Paco (I-III)

Paco wandert durch die Straßen, gerät in einen Laden und wird in ein Gespräch verwickelt. Was führt er im Schilde? Je weiter die Nacht fortschreitet, desto mehr gerät die Situation außer Kontrolle.

I

Die Station, an der er Ausstieg, roch nach trockenem Teer. So rochen sie alle im Winter in dieser Stadt: nach trockenem Teer und manchmal auch etwas nach Pisse. Doch es war eine gute Station: Hier kannte ihn niemand. Noch nicht. 

Paco kam an die Oberfläche, die immer einen Moment lang unwirklich wirkte. Er streifte durch die Straßen, betrachtete die Passanten genau. Manche Menschen, dachte er, sind doch wirklich Karikaturen ihrer selbst: kraftlos, ausdrucksarm, wie Zinnsoldaten. Paco strich sich durch sein schwarzes, dichtes Haar. Er dagegen, er wollte es zu etwas bringen. 

Er betrachtete sich in der leicht spiegelnden Schaufensterscheibe eines Geschäfts: Gut sah er heute aus, herausgeputzt für das, was er vorhatte. Es war wichtig, sich gut anzuziehen, sich zu pflegen. Die Haare hatte er gestylt, er war frisch rasiert. Nur so nahmen sie einen wie ihn ernst. Denn sie mochten Typen wie ihn nicht. Nur, wenn er bessere Kleidung trug als sie, sich mehr Mühe gab als sie, fühlte er sich ebenbürtig. Deshalb hatte er seine schwarze Parka angezogen, die geputzten hellbraunen Boots und seinen schönsten schwarzen Pullover. Für das, was er heute vorhatte, musste er gut aussehen. Und er musste sich stark fühlen. 

Er lief weiter durch schlecht gepflasterte Straßen, aus denen schiefe, bucklige Pflastersteine herausragten, und betrachtete die Häuser, die Läden, und die wenigen Menschen, die ihm hier entgegenkamen. Selbst zuhause ist es sauberer, dachte er. An einem nur schwach erleuchteten Fenster machte er Halt: Hier könnte der passende Ort sein. Er schaute hinein: Es war fast niemand da. Nur eine Gruppe saß um einen Tisch herum, sie redeten. Hinten gab es eine Bar. Ernst sahen sie dabei aus, auch etwas angespannt. 

Ja, hier würde er rein gehen, hier würde er es probieren. „Immer diese politischen Gruppen,“ dachte er, „diskutieren und verändern doch nichts.“ Er würde etwas bewegen, da war er sich sicher. Aber erst einmal musste er sich konzentrieren. 

II

Paco betrat den Laden. Die Klinke schepperte lauter, als er erwartet hatte. Beinahe verhaspelte sich seine Hand, als er sie drückte. Er holte tief Luft und ging mit großen, sicheren Schritten hinein. Er musste jetzt cool bleiben. Die Menschen saßen im zweiten Raum, der erste war, bis auf ein paar verstreut umher stehende Stühle, leer. An den Wänden hingen große Fotografien. Langsam trat er ein. Die Dielen knarrten bei jedem seiner Schritte unter den schweren Boots. Die nächsten Sekunden würden über Erfolg oder Niederlage entscheiden. Paco schwitzte. Aber er blieb stark und ging auf die Bilder zu und betrachtete sie. Sie sagten ihm nichts. 

Er hörte Wortfetzen, die er nicht einordnen konnte: „… Karriere ist für mich ein überkommenes Motiv. Wer möchte heute noch Karriere machen? Es geht heute nur noch um Selbstverwirklichung, um nichts anderes.“ Das Gespräch brach ab. Einer der Männer beugte sich zu ihm und sprach ihn an: „Kann ich Dir helfen?“ 

„Ja, hallo, hallo. Was ist das hier?“ fragte er etwas lasch.

„Hallo. Das ist eine Coachinggruppe,“ antwortete der Mann ruhig.

„Achso, ja.“ Paco war verunsichert, wusste nicht recht, was er darauf erwidern sollte: „Ich bin übrigens Paco.“

„Hallo, Paco.“

„Hi. Und was redet ihr so?“ fragte er schließlich weiter. 

„Wir helfen uns gegenseitig bei unserer beruflichen Karriere,“ gab der Mann geduldig zurück. 

„Achso, achso,“ erwiderte Paco, „wie denn zum Beispiel?“ Dabei schaute er sich um: Eine kleine Theke gab es, etwas ramschig, und neben den beiden vorderen Räumen ging es hinter einem Durchgang weiter. Aber er durfte nicht abschweifen, musste zuhören, sonst würden sie Verdacht schöpfen. 

„Wir reden gerade darüber, ob man überhaupt Karriere machen muss, um glücklich zu sein.“ 

„Echt jetzt? Ihr redet über Karriere?“ Paco merkte, wie seine Hände anfingen zu schwitzen. Er musste sich etwas überlegen: „Eigentlich suche ich diesen Russen, ist der hier?“

„Welchen Russen?“

„Ich weiß nicht mehr, wie der heißt. Er arbeitet manchmal hier.“

„Meinst du Dimitri? Dima?“

„Ja, ich glaube so hieß er. Dima. Ist er da?“

„Dimitri ist heute nicht da.“

„Nein?“

„Nein. Freitag wieder, oder Samstag.“

„Achso.“ Wieder stockte das Gespräch und Paco hatte kaum Zeit, sich umzuschauen. So hatte er sich das nicht vorgestellt. Er musste ein Thema finden, das es ihm ermöglichte, auch in die hinteren Räume zu schauen.

„Und was ist das hier? Ist das eine Bar?“ fragte er naiv. Das war gut, es war ein Anfang. Paco bewegte sich, er schaute sich demonstrativ um und machte auch einige Schritte umher, schaute sich die Bar an. Es stand kaum teurer Alkohol herum, überhaupt sah die Bar leer aus. 

„Wir sind ein Projektraum.“

„Und kann man hier arbeiten? Braucht ihr jemanden für die Bar? Ich würde gern arbeiten, Arbeitserfahrung sammeln und so.“ log Paco. Dabei ging er weiter und grinste. Fast hatte er den Durchgang zum hinteren Teil erreicht, da antwortete der Mann schon wieder:

„Als Kellner? Na ja, wir zahlen kein Geld, wir machen das alles ehrenamtlich.“ 

Das letzte Wort hatte er sehr langsam ausgesprochen. Mist, dachte Paco, darüber bekam er ihn auch nicht. Aber er musste das Gespräch am Laufen halten, wenn er sich den Rest des Ladens anschauen wollte. 

„Kein Problem, ich will nur lernen, wie das geht.“ Etwas Besseres fiel ihm auf die Schnelle nicht ein. 

„Ja, dann komm doch Freitag oder Samstag vorbei.“

„Freitag? Klar. Aber sagt mal: Was ist denn hier noch? Hat die Bar noch mehr Räume?“ Paco musste handeln, sonst war das Gespräch vorbei. Er hatte sich für die Offensive entschieden, anders ging es nicht. 

„Da ist nichts weiter.“ Der Mann sprach nun lauter, bestimmter. „Nur hier vorn ist die Bar.“ Und dann, etwas lauter: „Komm gern Freitag oder Samstag wieder. Heute ist hier eine geschlossene Runde.“

„Okay,“ antwortete Paco unvermittelt. „Okay, Freitag oder Samstag. Dann ist Dima da?“

„Ja, ich glaube, er ist dann da.“    

„Okay, okay. Dann komme ich Freitag oder Samstag. Okay.“ Sie hatten es bestimmt bemerkt. Paco war unruhig, er wusste nicht, ob er noch etwas sagen sollte. Was, wenn sie die Polizei riefen? Aber es half nichts, er musste sich verabschieden, danach konnte er nachdenken. Er schob hinterher: „Okay, bis Freitag oder Samstag.“

„Ja, tschüss,“ verabschiedete ihn der Mann, der mit ihm gesprochen hatte. Paco sah, wie auch die anderen Männer ihn anschauten. Es war keine Frau da. Das fiel ihm erst jetzt auf. Er ging durch den ersten Raum, öffnete die Tür und schloss sie etwas zu laut. 

III

Ihm war heiß, als er den Laden verließ. Da hatte er sich etwas getraut! Zum ersten Mal war er ohne seine Freunde anderen Menschen gegenübergetreten, hatte ihnen in die Augen geschaut – und sie angelogen. Es war nicht schwer gewesen. Ja, er würde es zu etwas bringen, aber nur ohne die anderen. Sie verstanden das nicht, sie waren nie rausgekommen. Sie würden ihr Leben lang weiter Koks oder H verticken, wenn Ali und die anderen es ihnen auftrugen. Aber Paco wollte mehr: Er wollte sich etwas Eigenes aufbauen, ohne seine Cousins. Er wollte unabhängig sein. Dafür musste er raus aus seinem Viertel, hierher, wo ihn niemand kannte. Und er durfte niemanden mitbringen, niemand durfte es wissen, jetzt noch nicht. Dafür musste er etwas investieren, sich durchsetzen. Dafür war er hier gewesen. Aber er durfte nicht zu gierig werden. 

Der Laden, in dem er gewesen war, hatte wenig hergegeben. Aber er wäre eine gute Übung und in das Hinterzimmer hatte er nicht hineinschauen können. Vielleicht verbarg sich dort etwas Wertvolles. Die Vordertür und das Fenster sahen stabil aus, aber er hatte einen zweiten Eingang aus dem Treppenhaus gesehen. Und sicher gab es Fenster zum Innenhof, die könnte er probieren. Innenhöfe waren dunkel und voller Ratten, niemand hielt sich dort lange auf. Er würde ungestört sein nachts. 

Hatten sie ihn durchschaut? Das Gespräch war nicht ideal gelaufen, das wusste er. Hätte er sich besser vorbereiten sollen? Ja, vielleicht wäre das gut. Er hatte gedacht, dass es einfacher sein würde. Betrunkene Menschen in Kneipen waren meist leicht in Gespräche zu verwickeln – außer der Barkeeper. Diese aber waren nüchtern gewesen. Er müsste vorsichtig sein mit diesen Gruppen. Er kannte diese Menschen nicht, sie waren anders als in seinem Viertel. Die Themen waren andere, er sprach ihre Sprache nicht. 

Teile IV-V folgen kommende Woche.